„Transformation braucht Hingabe und Authentizität“ – Interview mit Simon Scholl

Anja Adler im Gespräch mit Simon Scholl vom Kartoffelkombinat und CSX Netzwerk

 

Simon Scholl ist Mitgründer des Kartoffelkombinats, der größten Solidarischen Landwirtschaft in Europa, und Mitinitiator des CSX Netzwerks für gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften. Nach vielen Jahren praktischer Aufbauarbeit in München wirkt er heute vor allem als Berater und Netzwerker. Sein Ziel: Erfahrungswissen so aufzubereiten, dass daraus tragfähige Strukturen für eine solidarische Ökonomie entstehen. Im Gespräch mit Anja Adler erzählt er, warum Hingabe und Authentizität für ihn die Grundlage von Transformation sind, wie er auf die Zukunft blickt und welche Rolle Orte wie Wir bauen Zukunft dabei spielen.

 

 

Anja Adler: Simon, wenn du dich in deiner Rolle im Feld des gemeinschaftsgetragenen Wirtschaftens beschreiben müsstest – was zeichnet dich aus?

 

Simon Scholl: Ich sehe mich in einer dienenden und gleichzeitig gestaltenden Rolle. Meine Motivation ist stark intrinsisch, am liebsten würde ich für meine Arbeit gar kein Geld nehmen müssen. Es geht mir darum, den Status quo zu hinterfragen, mit Hingabe voranzugehen und Prozesse auszuhalten.Denn Transformation braucht Zeit. Was mich trägt, ist die Authentizität in dem, was ich tue.

 

Anja Adler: Wie bist du denn dazu gekommen?

 

Simon Scholl: Ich bin Quereinsteiger. Nach meinem BWL-Studium sowie zahlreichen Reisen und Erfahrungen in unterschiedlichen Kulturen habe ich gemerkt: So, wie es läuft mit Klimakatatrophen, Turbokapitalismus, Ausbeutung, geht es nicht weiter. 2010 habe ich für mich einen radikalen Schnitt gemacht: nicht mehr fliegen, vegetarisch leben, mein Auto verschenken. Mit anderen zusammen habe ich dann das Kartoffelkombinat in München gegründet. Das ist heute die größte Solawi Europas. Nach sieben intensiven Jahren in der Praxis arbeite ich nun auf der Metaebene: als Berater und Netzwerker, um Erfahrungswissen anschlussfähig zu machen und das System gemeinschaftsgetragener Strukturen weiterzuentwickeln.

 

Anja Adler: Welche Fragen treiben dich derzeit besonders um?

 

Simon Scholl: Ganz zentral ist die Frage, wie wir gemeinschaftsgetragene, resilientere Grundversorgungsstrukturen aufbauen und stabilisieren können. Dafür brauchen wir neue Formen gemeinschaftsbasierter Finanzierung und Stiftungsmodelle.Denn wir müssen auch wohlhabende Menschen und Organisationen dafür gewinnen, uns zu unterstützen. Das Wissen ist da, was fehlt, sind die Ressourcen, um die Transformation in die Breite zu bringen.

Anja Adler: Du sprichst auch von Kollaps-Bewusstsein. Was meinst du damit?

 

Simon Scholl: Mit „Kollaps“ meine ich keinen plötzlichen Systemausfall, sondern das Zusammenspiel schleichender, sich beschleunigender und gegenseitig verstärkender Zerfallsprozesse – ökologischer, ökonomischer, sozialer und politischer Art. Kollaps-Bewusstsein heißt für mich, die Illusion rein technischer Lösbarkeit und linearen Fortschritts hinter sich zu lassen – und damit auch destruktive Denk- und Handlungsmuster. Wir müssen uns ehrlich der Möglichkeit stellen, dass unser aktuelles System schon sehr bald kollabieren könnte – und dass dies vielleicht sogar notwendig ist, weil sich die bestehenden Schlamassel nicht von alleine in Wohlgefallen auflösen werden. Diese Konfrontation ist schmerzhaft, aber auch wichtig. Wenn wir den Schmerz zulassen, kann daraus enorme Tatkraft entstehen. Deshalb haben wir etwa die Arbeitsgruppe „gemeinschaftsgetragenes Krisenmanagement“ gegründet, um Gruppen dabei zu unterstützen, in Krisen handlungsfähig und selbstwirksam zu bleiben.

 

Anja Adler: Das klingt auch sehr existenziell. Wie blickst du persönlich in die Zukunft?

 

Simon Scholl: Vor einigen Jahren war ich mir noch sicher, dass die Zukunft „unerträglich“ werden würde. Heute sehe ich das differenzierter – auch, weil ich durch eine tiefe private Krise eine Art spirituelles Erwachen erlebt habe. Seither ist mir klar geworden: Es gibt viel mehr als das rein materialistische Weltbild, von dem ich früher ausging. Ich bin demütiger geworden gegenüber vermeintlicher Gewissheit.

Ich weiß nicht, was genau passieren wird. Aber entscheidend ist für mich, wie und in welcher Haltung wir den Herausforderungen begegnen. Das Einzige, worauf wir wirklich bauen können, ist in meinen Augen die Liebe – nicht als romantisches Ideal, sondern als Haltung der Verbundenheit: mit anderen Menschen, mit der Natur, mit dem Leben selbst. Gerade im Zerfall sollte sie unsere Richtschnur sein.

 

Anja Adler: Du bist für das Reallabor „Zukunft“ bei Wir bauen Zukunft hier. Wie erlebst du diesen Ort?

 

Simon Scholl: Dieser Ort hat eine Magie. Sobald man hier ankommt, passiert etwas: Wir kommen auf eine gemeinsame Frequenz, können uns auf Herzebene begegnen und ganz andere Gespräche führen. Für mich ist dieser Ort wie ein Portal, das tiefes gemeinschaftliches Arbeiten ermöglicht. Das Reallabor schafft genau den Raum, um auch sperrige Themen wie Finanzierung neu zu denken und das in einer Energie, die trägt.

 

Anja Adler: Und was genau ist für dich hier in den letzten drei Tagen im Lab 3 rund um neue Wege der Finanzierung im Reallabor Zukunft passiert?

 

Simon Scholl: Wir sind in den letzten Tagen tief eingetaucht in die Frage, wie Finanzierung auf unterschiedlichen Ebenen neu und gemeinschaftsgetragen gedacht werden kann. Dafür braucht es einen grundlegenden Paradigmenwechsel: weg von einer reinen Kapitallogik, die auf Tauschwert basiert, hin zu einer Beziehungslogik, die gelebte Fürsorge und gemeinsame Verantwortung ins Zentrum stellt.

Durch den intensiven, ko-kreativen Austausch mit so vielen inspirierenden Menschen wurde für mich erneut greifbar, dass dieser Wandel tatsächlich möglich ist. Menschen, die mutig alternative Wege erproben und ihr Wissen großzügig teilen, sind die Pionier:innen einer zukunftsfähigen, solidarischen Wirtschaft – egal, was kommt.

 

Anja Adler: Welche konkreten Ergebnisse sind entstanden und wie geht es weiter?

 

Simon Scholl: Wir haben zentrale Ansätze, Konzepte und Praktiken gemeinsam sichtbar gemacht und vertieft, darunter die CSX-Prinzipien sowie Muster des Commoning, die beschreiben, wie Menschen ihre Angelegenheiten fair und lebendig gemeinsam regeln. Das eröffnet nicht nur neue ökonomische und organisatorische Werkzeuge, sondern stößt auch einen kulturellen Wandel an, der bei uns selbst beginnt und in eine sozial-ökologische Transformation führt.

Zugleich haben wir uns untereinader vernetzt und neue Kontakte geknüpft, sodass wir das Gelernte in unsere jeweiligen Kontexte zurücktragen und dort weiterentwickeln können.

MEHR ZUM REALLABOR

Fotocredits:

Titelbild SWITCH Event Copyright: Chris Leipold 

Andere: Netzwerk Solidarische Landwirtschaft 

Das #Reallabor wird von Wir bauen Zukunft eG organisiert und in Zusammenarbeit mit einem starken #Partnernetzwerk realisiert. Das Projekt wird im Rahmen des Programms Nachhaltig Wirken durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds (ESF Plus) gefördert.