10 Jahre #POC21 – Gedanken zu den Wurzeln des Reallabors

ein Text von Anja Adler

 

Diesen Monat feiert das Innovationscamp POC21 seinen zehnten Geburtstag. Initiiert von Open State und dem französischen Ouishare-Kollektiv, brachte dieses fünfwöchige Reallabor vom 15. August 2015 bis zum 20. September 2015 100 Maker*innen, Designer*innen und Innovator*innen zusammen, um ein „Proof of Concept“ für eine nachhaltige Gesellschaft zu entwickeln. Das Camp war in seinem Umfang ein bisher einmaliges Reallabor, ein Begriff, den wir damals schon verwendeten.

Als Acceleratorprogramm begleitete POC21 12 internationale Open-Source-Hardware-Projekte aus den Bereichen Energie, Wohnen, Ernährung, Mobilität und Kommunikation, um zu zeigen, dass es anders geht. Die Projekte wurden schließlich in einer Ausstellung als eine Art Dorf der Zukunft der Öffentlichkeit vorgestellt – das Ganze ein Begleitprogramm zur Klimakonferenz COP21 bei Paris, bei der damals um das 1.5-Grad-Ziel verhandelt wurde.

“It was chaotic and wonderfully imperfect.
In the end, it completely changed my life.”

Mein ehemaliger Open State-Mitgründer Sven Stegemann schreibt über die Zeit bei POC21: „It was chaotic and wonderfully imperfect. In the end, it completely changed my life.“ Und ich stimme ihm vollkommen zu. POC21 hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Fast acht Wochen lebten und arbeiteten wir als Team gemeinsam für eine wünschenswertere Zukunft. POC21 zeigte mir die Magie von visionsgetriebener, dezentraler, kreativer Selbstorganisation. Es verwischte die Grenzen zwischen Arbeit, Freundschaft, Aktivismus und Spiel – und brachte mich auf den Weg, Reallabore für Transformation aufzubauen. Es hat verändert, wie ich lebe, liebe und mich politisch engagiere. Mein Aktivismus begann Grenzen zu überschreiten – vom Konferenzraum auf die Tanzfläche, vom Privaten ins Politische. Ich habe gelernt, dass wir, wenn wir Räume schaffen, in denen wir träumen, spielen und mutig sein können, auch neue Formen von Solidarität und kollektiver Imagination freisetzen.

CC BY-SA 2.0 POC21 Flickr

Warum kann Leben und Arbeiten nicht immer so sein?

POC21 hat viele Menschen inspiriert. Als wir nach Deutschland zurückkehrten, stellten sich viele von uns die einfache, radikale Frage: Warum kann Leben und Arbeiten nicht immer so sein? Also machten wir uns auf die Suche nach einem Gelände, das zum Zuhause eines dauerhaften Reallabors werden könnte. Im Herbst 2015 trafen wir von Open State auf die Gruppe rund um Lale Rohrbeck, Johannes Milke, Henry Farkas und viele weitere, die ähnliche intensive Erfahrungen wie wir mit dem Bau des ersten Earthships am Schloss Tempelhof gesammelt hatten. Aus dieser Begegnung entstand die Idee, einen dauerhaften Ort zu schaffen, an dem wir weiter experimentieren können. Denn Lale war auf ein Gelände in ihrer Heimat in Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam geworden, auf dem die Zukunft bereits schon Wurzeln geschlagen hatte.

Der Anfang eines Traums

Anfang der 1990er war das jetzige Zuhause von Wir bauen Zukunft (WBZ) noch Ackerland gewesen. Doch schon 2015 war dort ein kostbares 10 ha-großes Biotop für eine Vielzahl von Lebewesen entstanden, dank der faszinierenden Arbeit von Biologieprofessor Prof. Dr. Berndt Heydemann. Dieser hatte zuvor versucht einen ökologisch orientierten Erlebnispark »Zukunftszentrum Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft« aufzubauen, doch war leider damit in der Insolvenz gescheitert. Im November 2015 kamen also über 20 Menschen zusammen und träumten von einer gemeinsamen Zukunft, einer Art dauerhaftem Proof of Concept. Und der Rest ist Geschichte. (Die könnt ihr hier im Blogpost nochmal nachlesen.)

Die Wurzeln von POC21

Doch POC21 und somit auch Wir bauen Zukunft waren keine isolierten Ereignisse, sondern wuchsen aus einem Geflecht von Einflüssen und guten Bedingungen im Ökosystem. Und auch wenn es nie ganz möglich sein wird diesem gerecht zu werden, würde ich gerne einige der geistigen Wurzeln ehren und sie hier zusammentragen:

  • Palomar5 (2009, Berlin) – das Reallabor der Telekom, das als „Creative Space“ erforschte und ein Vorläufer dafür war, wie Menschen für eine Zeit zusammenkommen, um an radikalen Ideen zu arbeiten. (Ein kleines Rest-Archiv findet sich hier)
  • Der Aktivismus einiger Gründungsmitglieder – unter anderem Erfahrungen mit der Antifa, den Castortransporten und der Umweltprotestbewegung (z.B. rund um die Klimakonferenz in Copenhagen oder das G8-Treffen in Heiligendamm) – prägten die politische Tiefe des Projekts.
  • Begegnungen mit nicht-westliche Lebenswelten – wie Dominik Winds Zeit in Westsamoa, wo er sechs Monate ohne Strom und fließendes Wasser mit der Urbevölkerung lebte. Diese Perspektive brachte eine tiefe Erdung und Demut in die Gestaltung von Alternativen.
  • Die Zusammenarbeit mit internationalen Netzwerken wie OuiShare und Enspiral, die neue Formen der Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung erprobten und teilten.
  • Die Open-Source-Bewegung – angewandt nicht nur auf Software, sondern auf soziale Organisation selbst.
  • Die Permakulturbewegung – als Inspirationsquelle für Kreislaufdenken, Regeneration und das Leben im Einklang mit natürlichen Systemen. Einige Menschen im Gründungskreis haben die Permakulturausbildung absolviert und sind verbunden mit Declan Kennedy. Zudem prägte der Bau des ersten Earthships in Deutschland auf Schloss Tempelhof.
  • Die Berliner Bubble an neuen Organisationen, die alle ungefähr zur gleichen Zeit gründeten wie wir, namentlich das Betahaus mit der Open Design City als Inspiration Wigwam, Dark Horse Innovation und Journey to Creation. Sie alle waren Experimentierfelder für gemeinschaftsgetragene Unternehmensformen sowie innovative Designsprints und Hackathons als gelebte Anwendung von Design Thinking-Prinzipien.

Zukunftsorte sind dauerhafte Reallabore

All diese Strömungen verdichteten sich in POC21 zu einem lebendigen Experiment, das noch Jahre nachwirkt. Denn POC21 war mehr als ein Camp. Es war ein Reallabor, in dem Menschen erfahren konnten, wie Zukunft sich anfühlt, wenn wir uns trauen, sie radikal neu zu denken und konkret zu bauen. Aus diesem Experiment entstanden neben Wir bauen Zukunft auch noch weitere Alternativen zum „business as usual“: Open State Strategies GmbH, Hof Prädikow, Akademie für Transformationsdesign, Skyseed – um nur einige der vielen Keimlinge zu nennen. Auch das aktuelle WBZ-Förderprogramm Reallabor Zukunft übersetzt viele der Grundprinzipien von POC21 für Sozialunternehmen als Trainingsprogramm in die heutige Zeit. Solche Räume sind selten, aber unendlich wertvoll. Sie sind Trainingsfelder für eine andere Welt, Orte, an denen Utopien greifbar werden – nicht als fertige Lösungen, sondern als gemeinsame Praxis.